Das (nach Humanist Erasmus von Rotterdam benannte) European Region Action Scheme for the Mobility of University Students Programm dient der Förderung der Zusammenarbeit europäischer Hochschulen und der Mobilität von Studierenden und Dozenten. Studierende können einmal während ihres Studiums und frühestens nach Abschluss des ersten Studienjahres mit Erasmus drei bis zwölf Monate an einer europäischen Gasthochschule studieren. An einer Partnerhochschule der Heimatuniversität in einem EU-Mitgliedstaat bzw. Island, Liechtenstein oder Norwegen sowie in Bulgarien, Rumänien und in der Türkei wird der Teilnehmer von den dortigen Studiengebühren befreit, erhält einen Mobilitätszuschuss von maximal 200€ monatlich und wird bei der fachlichen und sprachlichen Vorbereitung auf den Auslandsaufenthalt und in der Regel durch Betreuung durch die Gastinstitution bezüglich Unterkunft, kultureller Angebote etc. unterstützt. Neben ausreichenden sprachlichen Kenntnissen ist eine Einschreibung an der Heimatuniversität und die Belegung studiengangsrelevanter Kurse im Ausland Bedingung für die Förderung. Die Auswahl der Studierenden erfolgt an der Heimatuniversität, dort werden auch Bewerbungstermine und Einzelheiten des Bewerbungsverfahrens bekannt gegeben. Das seit 20 Jahren bestehende Programm ist mit europaweit jährlich über 150.000 mobilen Studierenden nun das (vermutlich weltweit) größte Mobilitätsprogramm. Insgesamt konnten bis zum Hochschuljahr 2005/2006 bereits rund 1,5 Mio. Studierende gefördert werden, darunter fast 250.000 aus Deutschland. Im Anschluss folgt ein Erfahrungsbericht.
In der Email des Erasmusbeauftragten an der Vrije Universiteit Amsterdam (VU, gesprochen „Fü“), hatte nur die Adresse gestanden und der Hinweis, wo ich meinen Schlüssel für das Zimmer im „Guesthouse“ abholen könne. Das „Guesthouse“ war ein großes graues Wohnheim am Rande eines großen grauen Wohnheimcampusses, von dem seit Jahren gemunkelt wurde, er solle längst abgerissen worden sein.
Als ich in Amsterdam ankam, griff mich zum Glück zwischen dem riesigen Berg Fahrräder vorm Eingang des Gebäudes eine freundliche Schwedin auf und half mir, durch die grauen Gänge zu finden. Im klapprigen Fahrstuhl (in dem ich im Laufe der nächsten Monate öfters stecken bleiben sollte), ließ sie mich auf dem fünften Stockwerk heraus und machte eine wage Handbewegung in Richtung meines neuen Zimmers. Hier fand ich auf 10 m² (für dich ich trotz Stadtrandlage knapp 300 Euro bezahlte) immerhin ein sauber wirkendes Waschbecken, ein kleines Bett und einen Schreibtisch. Aus dem Nachbarzimmer kam ein etwas trübe schauender Spanier mit Dreads und grüßte mich freundlich. Als ich die süßlichen Rauchschwaden um ihn herum roch, fühlte ich mich gleich in Amsterdam angekommen. Von der anderen Zimmerwand her kam Musik und lauter Gesang. Später fand ich heraus, dass dort ein stylischer Chinese wohnte, der täglich dafür übte, Chinas nächster Superstar zu werden.
In den 300 Euro Miete waren außer meinen eigenen paar Metern Wohnfläche eine Gemeinschaftsküche und zwei Duschkabinen/Toiletten enthalten, die ich mir mit elf anderen ausländischen Studierenden teilte. Außerdem ein riesiger Gemeinschaftsraum im Keller des Wohnheims für tägliche Parties. Sauberkeit konnte auch durch die wöchentliche Reinigung nie vollständig erreicht werden und das Gebäude selbst hatte schon lange angefangen, von alleine in sich zusammen zu fallen. Dafür waren es nur ein paar Fahrradminuten zur Uni und um mich herum wohnten 300 Studierende aus allen erdenklichen Ländern.
Nach und nach lernte ich diese Bewohner des restlichen Wohnheims kennen. Sehr sympathisch waren die Polen, die einen jeden Abend zu einem (oder mehr) kleinen Wodka überredeten. Oder die Chinesen, deren Reiskocher sich in der Küche aufreihten und die immer wieder seltsam zubereitete Eier und Gebäck zum Verzehr anboten. Oder der modebewusste Italiener, der den ganzen Flur hin und wieder mit wunderbar gekochter Pasta beglückte. Der weniger modebewusste Ungare, der das gleiche mit Gulasch und sehr scharfer Wurst probierte. Der lockere Australier, der alles einfach unglaublich gelassen angehen ließ und noch nie etwas von Uhrzeit gehört hatte. Die aufgedrehten Französinnen, die sich von einem Liebesdrama ins nächste stürzten und deren Unsicherheiten der „H-Aussprache zu Aussagen führten wie „I was so hangry, I `ate my boyfriend!“. Und die anderen Deutschen im Wohnheim, die auf die verschiedenen Flure verteilt waren und ständig versuchten, gegen das Chaos der Mitbewohner anzuputzen.
Am schönsten waren jedoch die internationalen Parties, Kochabende und Ausflüge, bei denen sich die Ländergruppen mischten und gemeinsam etwas unternahmen. Überhaupt fand man im „Guesthouse“ zu jeder Tages- und Nachtzeit jemanden für jede noch so verrückte Unternehmung. Und alle hatten soviel Zeit. Stundenlanges Teetrinken in der Küche mitten in der Nacht. Wanderungen durch die Dünen zum Meer. Fahrradtouren durch die kleinen Dörfer der Umgebung. Ausflüge in die anderen Städte des kleinen Landes. Durchfeierte Partynächte. Und natürlich endlose Streifzüge durch die wunderbaren Grachten Amsterdams mit ihren süßen Häusern. Unter all den verschiedenen Erasmusstudierenden gab es keinen, der diesem Charme widerstehen konnte.
All diese Unternehmungen waren nicht denkbar ohne ein Fahrrad – genannt „fiets“. „Fietsen“ tut einfach jeder in Amsterdam – vom Kleinkind bis zum Geschäftsmann im Anzug. Vorm World Trade Center der Stadt steht genau der gleiche Haufen rostiger Fahrräder, wie vor jedem anderen Gebäude Amsterdams. Doch nicht immer ist das eigene Fahrrad auch noch da, wenn man wieder aus dem Gebäude heraus kommt. Die gestohlenen Fahrräder findet man mit etwas Glück auf der „Junkie-Bridge“ wieder, wo sie für wenige Euro zum Kauf angeboten werden. Damit sie dann nicht wieder „abhanden“ kommen, lohnt sich jedoch die Investition in ein vielfach teureres Kettenschloss. Die Schlüssel dafür wurden im „Guesthouse“ rege hin und her getauscht, da jeder ständig Besucher da hatte, für die er Leihfahrräder benötigte.
Natürlich habe ich auch studiert in Amsterdam. An der modernen Uni („Fü“) suchte ich mir aus einem riesigen Angebot die Veranstaltungen heraus, die mich interessierten und nahm einfach teil. Unerwarteter Weise fand das meiste auf niederländisch statt, was besonders für die südländischen Erasmusleute ein großes Problem darstellte. Für mich hatte das jedoch den Effekt, dass ich immerhin ab und zu die Landessprache sprechen konnte, statt mein vorher recht passables Englisch nach und nach durch ein gebrochenes Erasmus-Englisch zu ersetzen. Durch die Uni lernte ich außerdem zur Abwechslung auch ein paar nette Niederländer kennen, an deren Direktheit ich mich als Deutsche schnell gewöhnte. Die gaben mir auch die Tipps, wo man im unheimlich teuren Amsterdam einen erschwinglichen Kaffee trinken, eine bezahlbare Mahlzeit erstehen oder eine günstige Grachten-Bootstour finden konnte. Oder dass man für 20 Euro eine Museumscard bekommt, die einem ein Jahr lang freien Eintritt in alle 30 Amsterdammer Museen gewährt. Denn finanziell kommt man auch mit dem Erasmus-Zuschlag von 80 Euro im Monat nicht viel weiter.
Dafür brauchte ich mich durch das Erasmus-Stipendium – außer um ein Fahrrad - um nichts zu kümmern. Allein durch das Ausfüllen weniger Formulare bekam ich eine Wohnung, einen kostenlosen Studienplatz und jede Menge spannender Aktivitäten organisiert. Ich bekam sechs unvergessliche Monate, die mich Amsterdam lieben gelehrt und mir Freunde auf der ganzen Welt eingebracht haben. Eine Erfahrung, die sich keiner entgehen lassen sollte…